Die Kirche am Markt in Detmold

Ein Führer durch die älteste Kirche in Detmold

 

8. Jahrh. Die Erlöserkirche hieß ehemals St. Vitus. Sie könnte schon Ende des 8.Jh. gegründet worden sein und damit ein ähnlich hohes Alter haben wie die Kirchen in Paderborn. Der Name St. Vitus lässt möglicherweise auch eine Verbindung zum Kloster Corvey / Kreis Höxter zu.
13. Jahrh. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts gehörte die Kirche zum Archidiakonat Paderborn, wurde aber 1264 selbständig, um im 14. Jh. dem Archidiakonat Lemgo angeschlossen zu werden.
l511 verlegten die Herren zur Lippe ihre Hauptresidenz nach Detmold. Fortan war die Pfarrkirche eng mit dem regierenden Hause Lippe verbunden.
1538 wurde die Reformation in Lippe eingeführt und damit das lutherische Glaubensbekenntnis.
1605 Der Wechsel zum kalvinistischem Glauben erfolgte aber erst 1605. Seit der Zeit ist diese zentral gelegene Kirche Gottesdienststätte der reformierten Gemeinde.
1947 Den Namen Erlöserkirche hat sie seit 1947, wo man die reformierte Gemeinde in Detmold-Ost und Detmold-West aufteilte.

 

Der Turm

Erloeserkirche.jpg (57 kB) Ab 1564 entstand der Turm an der Südseite. Sein Renaissancehelm wird auf 1592 datiert. Turm und Helm sind für die äußere Erscheinung der Kirche bestimmend. Der Turm ist ein viergeschossiger quadratischer Bau. Die Höhe des Mauerwerkes beträgt 23,20 m, bis zur Heimspitze 46 m. Der Sockel ist durch eine kräftige Schräge abgesetzt und die Geschosse durch gotisch profilierte Gesimse. An der Westseite befindet sich eine Tür zur Mauertreppe des Turmes, die ehemalig auch von innen zugänglich war. In der Zeit um 1596 wurden 2 Turmwächter angestellt, die zur Verhütung von Feuersbrünsten auf dem Turm wohnten. Eine bronzene Glocke aus dem Jahre 1558 konnte durch die beiden Weltkriege 1914 - 18 und 1939 - 45 gerettet werden. Mit ihrem weichen dunklen Klang ist sie charakteristisch für die "Marktkirche", wie die Kirche im Volksmund heißt. Wir betreten die Kirche durch den ältesten Teil, denn bis zum großen Stadtbrand von Detmold stand der Turm hier an der Westseite. Mit dem Bau des heutigen Turmes an der Südseite wurde 1564 begonnen, bis 1579 baute man an dem Mauerwerk und der Helm wurde erst 1592 vollendet.

 

Das Innere

Von hier öffnet sich der Blick auf einen mit kurzen mächtigen Pfeilern unterteilten Innenraum, der von der Gewölbezone dominiert wird. Beim Studium des Grundplanes der Kirche erkennt man, dass es eine dreischiffige Kirche ist.
Von der Westwand bis zum Chorraum im Osten zählt man drei Joche. Parallel dazu im Norden sind es zwei und im Süden auch jeweils zwei Joche, die mit Schlusssteinen verziert sind. 5 Schlusssteine wurden nach einem Entwurf des lippischen Künstlers Karl Ehlers, Professor an der Werkkunstschule in Münster, in den Jahren 1957 gestaltet. Es handelt sich dabei um Glasmosaike. In der Westmauer (hinter der Orgel) befinden sich, wie schon erwähnt, noch geringe Restteile der älteren Kirche, die um das Jahr 1000 erweitert wurde. Gegen 1300 erhielt die Kirche ein Langhaus und einen Chor. Um 1400 wurde der einfache Kirchensaal erweitert. In der Zeit von 1547 - 1564 entstand die heutige Form der Kirche. Gaul vermutet, dass die Kirche während der Soester Fehde (1447) und während eines Stadtbrandes (1547) erheblich gelitten hat. Deshalb ist von der frühmittelalterlichen Kirche wenig erhalten. Die Innenausstattung der Kirche ist kalvinistisch schlicht und zeigt dem Betrachter nur wenige interessante Dinge. Das reformierte Glaubensbekenntnis lässt keine bildlichen Darstellungen zu. Es ist ausschließlich auf die Wordverkündigung ausgerichtet.
In der vorreformatorischen Kirche gab es laut urkundlicher Erwähnungen 4 Altäre: der Katharinenaltar (1443), Altar der heiligen Engel (1464), Marienaltar (1488) und der Altar des heiligen Hubertus (1526). Nach der Einführung der Reformation wurden sie entfernt. Es ist nicht bekannt, was mit ihnen geschah. Der Innenraum wird geprägt durch die spitzbogigen, gotischen Fenster, die in ihrer oberen Hälfte teilweise an einen Vierpass erinnern (ähnlich einem vierblättrigem Kleeblatt) und teilweise flamboyant sind (flammenartig langgezogene Formen). Ein neugotisches Fenster über der fürstlichen Prieche (Nordseite) ist als Geschenk des letzten regierenden Fürsten Leopold IV im Jahre 1908 sicherlich das jüngste Fenster. Eine kleine Inschrift verweist auf dieses Geschenk. Sie weist ebenfalls auf die Glasmalerei Quedlingburg hin, die das Fenster gemacht haben dürfte. Im Chorraum fällt die ebenholzfarbene Kanzel aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts auf, die also stilistisch in die Spätrenaissance gehört. Diese fünfseitige Kanzel steht auf einer schlichten Rundsäule. Darüber hängt ein sechseckiger Schalldeckel. Der Kanzel gegenüber steht das Taufbecken (aus Sandstein), das in der Form eines Pokals gestaltet ist. . Sein Schaft weist gedrehte Kanneluren auf. Die Inschrift lautet "Anno Domini 1579". Blattranken in Form eines Flachreliefs zieren das Becken. Hinter dem Taufbecken sind blaugrundige, hölzerne Gedenktafeln für die Gefallenen des 1. Weltkrieges. Hinter dieser Wand wiederum befindet sich die Sakristei oder die frühere "Gerkammer". Gerkammer bedeutet "gar" und "fertig". Hier machte sich der Priester für den Gottesdienst fertig und sprach Gebete, um sich auf den Gottesdienst vorzubereiten. Seit 1629 diente die Gerkammer als landesherrliche Gruft. Nach der Errichtung des Mausoleums am Büchenberg (vor den Toren des damaligen Detmolds) im Jahre 1856 wurde ein großer Teil der Särge dorthin überführt. Seitdem ist die Gerkammer teilweise wieder Sakristei, der verbliebene Teil der Gerkammer ist nicht zugänglich. Von dem Chorraum aus gesehen, rechts und links an der Nordseite der Kirche, befinden sich zwei ovale Steinplatten. Die eine auf der Seite des Taufsteines gedenkt der Gefallenen des Krieges 1870/71, die andere auf der Kanzelseite der Gefallenen des Krieges 1866.

 

Die Orgel

Kunstgeschichtlich interessant und für Musiker von Bedeutung ist die Orgel. Sie wurde bereits 1555 zum 1. Mal erwähnt. Es folgten mehrere Restaurierungen. Im Jahre 1795 erschuf der berühmte Orgelbauer Johann-Markus Oestreich aus Oberbimbach bei Fulda sie in der heutigen Form. Im Jahre 1962 wurde sie unter Verwendung der Register aus der Reformationszeit und mit rund 90 %iger Erhaltung des alten Barockwerkes gründlich erneuert und auch erweitert. Diese Arbeiten erfolgten unter Anleitung von Helmut Tramnitz, Organist und Professor der Detmolder Hochschule für Musik. Die Orgel hat ca. 2500 Pfeifen. Ihre Fassade hat eine spätbarocke Gesamtgliederung. Sie wechselt wischen großen und kleinen Feldern und ist symmetrisch zur Mitte hin aufgebaut. Die Vasen, Blütenranken, Girlanden und Palmzweige der Dekoration zeigen aber einen Übergang zum Klassizismus.

 

Der Turmraum

Im Turmraum der Kirche befinden sich zwei nennenswerte Epitaphe. Auf der linken Seite (der Westseite des Turmes) in dunkler Farbe das Epitaphe der, Margarete von Schwarz, geh. von Kerssenbrock (+ 1567). Es ist wahrscheinlich das Frühwerk des Lemgoer Meisters Hermann Wulf (1567/68). Bei diesem Epitaph handelt es sich um ein Flachrelief in Sandstein. In dem von zwei Säulen abgegrenzten Hauptfeld sind zu Seiten des Kruzifixes die betenden Figuren des Drosten Adolf Schwarz zu Braunenbruch (+1601) und seiner Frau dargestellt. Neben dem Ritter sind Schwert und Helm zu erkennen, neben der Frau ein Wickelkind, das wohl darauf hinweist, dass sie im Kindbett starb. Das Kruzifix ist von einem Halbkreis mit einem Engelkopf gekrönt. Seitlich befinden sich die Wappen der Familien Schwarz und Kerssenbrock. Unter dem Kruzifix ist eine große rechteckige Rollwerk-Kartusche mit der Inschrift-. Grabschrift der Erbarn vndt Tvgentsame Margarethen von Kerssenbrock des Ernvesten vnd Erbarn Adolf Swartzen Hausfrawn so im Jar 1567 - den 29 Janua Seliglig im Hern entschlafen.

 



Literatur
1. Georg Dehio: Westfalen. 1977. Darmstadt.
2. Karl Ehlers: Das plastische Werk. 1984. Verlag Coppenrath, Münster
3. Otto Gaul: Bau - und Kunstdenkmäler von Westfalen - Stadt Detmold.1968. Aschedorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster
4. Ulrich Großmann: Detmold. Führer durch die Stadt, Schloß und Umgebung. 1981. Verlag Trautvetter und Fischer Nachfahren. Marburg a.d.Lahn.
5. Wilfried Koch: Baustilkunde. 1990. Orbis Verlag GmbH, München.
6. Burghard Meier: Das Mausoleum am Büchenberg bei Detmold. Lippischer Heimatbund. Detmold 1988
7. N. N. Die Kirche am Markt in Detmold.
8. N. N. Kleine Orgel-Chronik der Detmolder Marktkirche.

 


verfasst von Marianna Heldman im Januar 1991